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Kriegsenkel - Wie das Leben unserer Vorfahren in uns wiederkehrt

Heute möchte ich dir meine Geschichte von August erzählen. Warum? Weil ich Dank August auf ziemlich eindrucksvolle Art und Weise am eigenen Leib erfahren durfte, inwiefern unsere Vorfahren unser heutiges Leben beeinflussen.

 

Der Familienstammbaum ist ja einer der drei großen Bereiche, in denen ich mit dem Biologischen Dekodieren nach entsprechenden Prägungen schaue.

Auszug aus dem Gedenkbuch in der Normandie.

Als ich ungefähr 10 Jahre alt war, fand ich beim Spielen auf dem Dachboden im Haus meiner Oma alte Zeitungen und andere Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Dort begegnete mir der Name August zum ersten Mal. Offensichtlich war er der erste Mann meiner Oma. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich gar nicht, dass es da noch jemanden gab. Mein Opa war zu dem Zeitpunkt schon ein paar Jahre tot.

Damals interessierte ich mich zunächst nicht weiter für die Dinge. Dennoch vergaß ich den französischen Ortsnamen St. Mère-Eglise nie wieder und regelmäßig kam August mir wieder in den Sinn; zum Beispiel als wir im Geschichtsunterricht über den Zweiten Weltkrieg sprachen.

Doch zurück: 2001 starb meine Oma und über Umwege landete der Schuhkarton mit den alten Dokumenten irgendwie ausgerechnet bei mir. In regelmäßigen Abständen öffnete ich den Karton und las ein wenig in den alten Zeitungen und in den anderen alten Dokumenten. Warum ich dieses Bedürfnis zwei- oder dreimal im Jahr hatte, darüber machte ich mir keine Gedanken. Es machte mir nahezu Spaß, die alte Sütterlinschrift in den teilweise handgeschriebenen Unterlagen zu enträtseln. Immer wieder sagte ich mir, dass ich „irgendwann“ mal an sein Grab in die Normandie reisen möchte. Ich spürte, es gab irgendeine Verbindung zu ihm, welche auch immer....

Überreste der Geschützstellungen.

Dann kam die Therapeutenausbildung 2015 und bereits ganz am Anfang, also im Januar, wurde August bzw. die erste Ehe meiner Oma bei mir zum Thema. Parallel planten mein Liebster und ich, unseren (Zelt-)Urlaub in diesem Jahr in Westfrankreich zu verbringen. Daraufhin schlug ich vor, dass wir dann aber in Nordfrankreich beginnen, damit ich endlich mal ans Grab komme. Wir planten das bei unserer Reise mit ein und die erste Station wurde somit ein Campingplatz in der Normandie, direkt an der ehemaligen Front, an der 1944 der „D-Day“, die Invasion der Allierten, begann.

Überreste der Stellungen.
Ich am Grab von August.

Am zweiten Tag machten wir uns auf die Suche. Nach einiger Zeit und mit Hilfe der Deutschen Kriegsgräberfürsorge fanden wir schließlich den entsprechenden Friedhof.

 

Nach dem Krieg gab es umfangreiche Umbettungsaktionen der Deutschen Kriegsgräberfürsorge und auch August wurde umgebettet. Den ursprünglichen Friedhof aus meinen Unterlagen gibt es nicht mehr.

Als ich seinen Namen auf dem Kreuz sah, kamen mir sofort die Tränen. Das konnte ich mir in diesem Moment absolut nicht erklären, denn mit diesem Mann habe ich ja eigentlich gar nichts zu tun, rein biologisch betrachtet. Mein erster Gedanke am Grab war: „Es ist so. Sein Name steht hier an diesem Kreuz. Er liegt wirklich hier.“ Ich blieb, vollkommen in Tränen aufgelöst, über  eine Stunde am Grab. Ich zündete zwei weiße Kerzen an, stellte sie vor das Kreuz und sagte zu mir, dass meine Oma und er nun wieder zusammen seien. Dass ich gekommen sei, um sie wieder zusammen zu bringen.
 
Zurück auf dem Campingplatz spürte ich eine enorme Erleichterung und Befreiung.

 

 

Meine Oma bekam damals das Schreiben, welches du hier sehen kannst. 

Dieses Schreiben wurde so oder so ähnlich millionenfach an die Hinterbliebenen verschickt. Soweit ich mich erinnere, hat sie sogar mal gesagt, dass sie gerne ans Grab gefahren wäre, um sich zu verabschieden. Dazu war aber keine Zeit und spätestens, nachdem sie meinen Opa geheiratet hatte, auch kein Platz mehr. Wahrscheinlich hoffte sie ihr Leben lang, dass ihr geliebter August doch noch eines Tages nach Hause kommt; dass er irgendwann vor der Tür steht und sein Tod ein Irrtum war. Ich habe das Gefühl, dass ich da war, um Gewissheit zu bekommen, dass August nicht mehr nach Hause kommen wird. Es fühlt sich für mich an, als ob irgendetwas in meiner Familie seinen Abschluss fand und dass es mein Job war, diesen Abschluss zu machen.

Eine verrückte Geschichte, nicht wahr? Es gab hier kein bewusstes körperliches Symptom oder Ähnliches, was ich als Ursache bei mir dafür ausmachen konnte, dass dieser Teil meiner Familiengeschichte etwas mit mir zu tun hat. Auf jeden Fall ist seit meinem Besuch am Grab „irgendetwas“ weg; eine große Last, was auch immer es genau war, ist verschwunden.

Wir tragen die Folgen des Krieges alle in irgendeiner Form auch heute noch in uns und geben sie weiter an die nächste Generation.

 

Wir tragen sie so lange in uns, bis wir hinschauen und die Dinge auflösen und abschließen.

Zu mir kommen Klienten mit den unterschiedlichsten Beschwerden. Nicht selten landen wir im Familienstammbaum beim Ersten und Zweiten Weltkrieg auf der Suche nach den Programmierungen und Ursachen. Erschreckend daran finde ich, dass "unsere" Kriege über 70 oder gar 100 Jahre her sind und noch immer finden sich die Spuren, also drei oder noch mehr Generationen später! ...diese Spuren bleiben so lange im Unbewusstsein gespeichert, bis sie endlich gesehen und aufgelöst werden.

Wie ist es bei dir? Welche Rolle spielt der Krieg in deiner Familie? Ich möchte dich dazu einladen, einfach mal darüber nachzudenken, wo der Krieg in deiner Familie Spuren hinterlassen haben könnte. Mach dich auf die Spurensuche!

Ich gebe dir absolut recht, wenn du jetzt denkst, dass man manchmal die Vergangenheit einfach ruhen lassen sollte, nicht zu viel in alten Geschichten rumkramen. Nur ruhen die Dinge oft erst wirklich, wenn sie wirklich ihren Frieden, ihren Abschluss gefunden haben. Und so lange sie klopfen sie ab und zu an deine Tür; mal sehr leise, mal etwas lauter.

 

Vergangenheit August hat nun seinen Frieden gefunden. Für immer. 71 Jahre nach seinem physischen Tod.